Kriegstagebuch #1 – Eine Offensive von exorbitanter Aggressivität

Kriegstagebuch #1 – Eine Offensive von exorbitanter Aggressivität

von Detlef Hartmann

Bloß: welche denn? Alle Vergleiche der Kriegsparteien scheitern daran, dass sie sich nicht vergleichen lassen, jedenfalls nicht im grundsätzlichen Charakter und Intentionen.

Der russische Überfall stellt in seinen Strategien noch einmal alle sowjetischen Barbareien des 20. Jahrhunderts in seinen Dienst : Mit Massaker bis an die Grenze des Völkermords1, mit Krieg gegen Zivilist*innen, flächendeckende Vernichtung und Zerstörung. Ihnen gegenüber ist alles andere als Abscheu und konsequente Gegenwehr fehl am Platz. Selbst wenn wir berücksichtigen, dass die mörderischen Strategien aus den Metropolen, wie diejenigen der EU gegen die Migrant*innen im Mittelmeer und auf den Routen durch Nordafrika für weit größere Opferzahlen verantwortlich sind.

Und die ukrainische Kriegsführung? Schon die Frage ist verkehrt. Es ist – durchaus im Selbstverständnis der Akteure – nicht die Ukraine, die hier gegen Russland steht. Die Auseinandersetzung mit der russischen Barbarei ist längst internationalisiert. Sie wird aus einem gigantischen raumübergreifenden militärisch/kriegsökonomisch/medial-mentalen Komplex geführt. Einem Komplex von post-moderner „Modernität“ und Gewaltsamkeit (im Folgenden „Komplex“). Ein Komplex von geradezu zukunftsweisender Qualität.

Was den Bewertungskrieg betrifft, so werden die im aktuellen Gebrauch verwendeten Techniken dem heißen Krieg nicht gerecht. Die simpelste verfährt nach dem Schema – biblisch gesprochen: „der Balken ist im Auge des anderen“. Putinversteher werfen der Ukraine im Verbund mit EU und Nato einen über Jahrzehnte gesteigerte imperiale Aggressivität vor. Sie trügen die Schuld und gingen zu Lasten der Russischen Föderation (im Folgenden RF). Diese wiederum verweisen auf den Vernichtungscharakter des Überfalls und reklamieren eine geradezu zivilisatorische Mission im osteuropäischen Raum. Andere Ansätze verweisen auf Militarismus und einen eher traditionell verstandenen Kapitalismus, ohne, soweit sie ihn dem Westen anlasten, sich mit dem kapitalistischen Charakter der RF auseinanderzusetzen. Wir können froh sein, dass es sie gibt und Kriegstreiberei und –schmarotzertum etwas entgegensetzen und begreife meinen Beitrag als Angebot für ein weitergehendes Verständnis. Wieder andere schaukeln, wie etwa Chomski und die vielen hierzulande ausgerufenen Appelle, im diskursiven Zwischenraum, unter Verweis auf zumeist nicht näher begründete Vernunft. Und so gut wie alle, außer natürlich die Putinisten, bilden das Geschehen auf der Achse von Zivilisation und Barbarei ab, ganz zugunsten des „Komplexes“. Vorsichtige verweisen allerdings auf die zuweilen fragwürdige Inkaufnahme eines gewaltigen Blutzolls und immenser Opfer, gewürdigt als Heroismus und Patriotismus. Die demokratische Fraktionsvorsitzende im Kongress Nancy Pelosi vermittelt wie auch andere den Eindruck, sie wollte kämpfen. Und zwar bis zum letzten ukrainischen Blutstropfen, aus den sicheren Sesseln der USA. Keine schlechte Leistung nach der desaströsen Flucht aus Afghanistan. Es ist jedenfalls klar, dass auf dieser Ebene eine Berechnung von Schuld und Verantwortung ohne Ergebnis bleiben muss und die Protagonisten sich nur gegenseitig stabilisieren. Denn: was falsch ist, ist die Ebene. Weil: sie bietet keinen Zugang zu dem tieferen Grund der Barbarei, dem Grund zugleich, warum auch der Komplex nicht so unschuldig ist, wie er tut und seine Befürworter es uns glauben machen wollen.

Denn keiner der Meinungskombattanten sucht unterhalb dieses diskursiven Oberflächengeschehens nach den tieferen Kräften und Energien, die die gewalttätigen Vorstöße des historischen Prozesses treiben und die jeweiligen Formen ihrer Barbarei hervorgebracht haben. Sowohl die altertümlichen Putins als auch die neuen des Komplexes. Beide sind Ausdruck des gewaltsamen historischen Prozesses kapitalistischer Innovation. Hier jedoch haben nicht nur die von Putin in Anspruch genommenen Barbareien des stalinistischen Fordismus ihren Ursprung. Dies gilt mit time-lag auch für die Impulse, die jetzt im Konflikt mit den Zurückgebliebenen völlig neue, „moderne“ Barbareien hervorbringen. Denn unterhalb der Ebene der üblichen historischen und systemischen marktökonomischen Vorstellungen wirken als primäre historische Triebkräfte die personalen und sozialen bzw. sozialpsychischen Energien, die in den Innovationsoffensiven freigesetzt wurden und sich darin entfesselt haben. Mit ihnen haben die kapitalistischen Akteure jeder Epoche sowohl Kapitalkommando als auch Rendite nach großen Krisen mit großer Aggressivität wieder erneuert: In der von England ausgehenden Eisenbahnoffensive der 1830er Jahre, der fordistisch/tayloristischen Offensive der Jahre um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert und der IT-Offensive seit den 50er Jahren. Sie alle trachteten danach, die überkommenen Formen von Arbeiten und Leben, Finanzen, Kultur, also tendenziell total zu zertrümmern mit dem Ziel der Herstellung eines neuen Regimes. In der innovativen Offensive „schöpferischer Zerstörung“, mit Joseph Schumpeter gesprochen, dem Ideengeber der alten und neuen Ära2. Der Zerstörung des Alten verbunden mit der Schöpfung des Neuen durch die jeweiligen Avantgarden.

Wüten im Fortschritt“: Die gewalttätigen Ernergien des Komplexes

Den Widerständen jedoch, mit denen sie sich dabei konfrontiert sahen, begegneten sie mit mörderischer Gewalt, selbst im Frieden, aber vor allem im und durch Krieg. Im Taylorismus mit Massakern und genozidaler Wut bis in ihre Peripherien hinein. Beginnend mit dem weithin als Genozid begriffenen US-Krieg auf den Philippinen und den deutschen Massakern in Afrika über den von den deutschen tayloristischen Avantgarden angetriebenen Massenmord des 1. Weltkriegs, über den von den stalinistischen Fordisten betriebenen ukrainischen Hungermord und das von japanischen Modernisierern betriebene Massaker in Nanking bis zu den deutschen Völkermorden des Fordismusfanatikers Hitler und seiner Entourage und der Einäscherung der japanischen Zivilbevölkerung noch vor Hiroshima und Nagasaki aus der durchtaylorisierten US-Kriegsmaschine. Die Legende, die sie nur als Ausdruck der Rückständigkeit festschrieb, ist inzwischen völlig zerschlissen. Vielmehr ist ihr Platz im Modernisierungs- bzw. Innovationsgeschehen nunmehr gründlich gewürdigt. Ebenso ihre Bedeutung im blutigen „zivilisatorischen“ Fortschritt. Dem subjektiven Ausdruck der mörderischen Innovationsenergien trugen Sinnformeln Rechnung wie: das progressistische „Kriegsfieber“ (George Yaney), die gewalttätige „Verzauberung“ der Akteure im Massenmord an den “Kulaken“ (Wassili Grossman), der „Entwicklungsdrang“ im Zuge einer „Modernisierungskonkurrenz“ aus der Feder des bedeutenden englischen Genozidforschers Mark Levene. Auf unterschiedliche Weise sind Eric Weitz („The Modernity of Genocides“), Zygmunt Bauman („Modernity and the Holocaust“) und andere der engen inneren Verbindung zwischen Zivilisation und Barbarei nachgegangen. Ich selbst habe den Prozess aus der Auseinandersetzung mit Ronald Aronson „Wüten im Fortschritt“ genannt.3 Damit haben wir es auch heute wieder zu tun. Auch in der Ukraine. Und gegen alle propagandistische Glorifizierung.

Denn es gibt bisher keinen Anhaltspunkt dafür, dass sich die IT-Offensive mit ihren Zurichtungs- und Anpassungsimperativen grundsätzlich aus diesem Zusammenhang von Entwicklungsdrang und Gewalt, von Zivilisation und Barbarei herausbewegt hat. Allerdings entwickelt sich die Aggressivität ihrer innovativen Kerne diesmal nicht im Verhältnis USA/Deutschland, sondern USA/China. Und das in einer inzwischen beunruhigenden Dynamik4, mit Europa und der russischen Föderation in einem inzwischen drastischen Gefälle nachhängend. Die EU nimmt, wie Deutschland als europäischer Kern schon in der Weimarer Zeit, erneut als „Scharniermacht“ (Ziebura) eine Brückenfunktion für die innovative Expansion ein. Sie hat ihre Impulse aufgenommen und als Triebkraft und im Prozess der EU-Erweiterung in den osteuropäischen Raum übertragen.

Ukrainekrieg als Katalysator der Innovationsoffensive

Nach der Coronakrise5 ist nun der Ukrainekrieg in viel stärkerem Maße zur Schiene und zum Katalysator der Innovationsoffensive geworden. Das kann hier nur in seinen tragenden Charakteristika skizziert werden, unter Verweis auf in Vorbereitung befindliche Arbeiten. In dankenswerter Weise hat Biden in einer Rede am Grabe Albrights auf die historische Tiefe und die fundamentale Bedeutung des Konflikts verwiesen: „Es ist wie der Fall der UdSSR“ und ein Kampf der „Demokratie gegen das Dunkel“. Das letztere mobilisiert ein puritanisch-kapitalistisches Glaubensbekenntnis, das seit den frühen Hexenverbrennungen und Indianerkriegen immer wieder an Knotenpunkten der Geschichte als energetischer Motor aufgerufen wird. Das erstere beruft sich auf den Prozess der Zerstörung russischer Macht. Sie ist mit den Etappen des gescheiterten Reorganisationsversuchs unter Gorbatschow, der rohen Kapitalisierung unter Jelzin bzw. Sachs, der schrittweisen Defensive vor dem deutsch/europäischen Griff nach Osteuropa mit dem Höhepunkt im ukrainischen Maidan im jetzigen Krieg auf die Spitze getrieben worden. Wie schon Castells auf die Bedeutung der IT-Innovationsoffensive für die Implosion russischer Macht hingewiesen hat, so liegt diese auch im Kern des EU-Vorstoßes. Die gesteigerte Produktivität des deutschen Automobil-und Maschinenbaus und der mittelständischen Unternehmen verdankt sich dem Einsatz IT-fundierter Arbeitsorganisation und Lieferketten. Exemplarischer Ausdruck dieser innovativen Dynamik ist die europäische, vornehmlich deutsche Indienstnahme von jeweils etwa 200 000 ukrainischen, belarussischen und russischen Softwarespezialisten. Diese an der post-modernen Innovationsfront operierende Schicht prägt von ukrainischer Seite aus den bestimmenden Kern des „Komplexes“, ebenso wie die post-„Modernität“ des großen Kommunikators Selenski. Sie sind der Stoßkeil der innovativen Avantgarden. Von daher ist die Überlegenheit des Komplexes in Logistik, Aufklärung, sozialer Mobilisierung gegenüber der starren noch im stalinistischen Fordismus befangenen Befehlsstruktur nicht überraschend. Das gilt auch für die Motivation, die sogenannte „Moral“. Sie kämpfen für ihr Land, ihre hegemoniale Position und ihr Verständnis von Demokratie. Die nadelstichartigen Angriffe der belarussischen Hacker und deren Beziehungen zu ukrainischen Strukturen haben hier ihren innovatorischen Rückraum.

Innerukrainisch. Denn die die sich hier im Krieg herausbildenden Strukturen sind nur die Speerspitze des weltweiten Rückraums, den sie hinterherzieht und der sie schiebt: Seine rapide Formierung ist im höchsten Maße beunruhigend. Es ist nicht nur eine wachsende Anzahl von Ländern, die Waffen und Geld in den Konflikt hineinpumpen. Sie formieren sich darin auch politisch jenseits von oder an den bestehenden Bündnissen und Nato vorbei, wie das Treffen von über 30 westlichen Verteidigungsministern auf dem amerikanischen Militärdrehkreuz Ramstein mit der Gründung einer Kontaktgruppe für die Selbstverteidigung der Ukraine belegt. Hier fahren die USA durch ihren sehr aggressiven Verteidigungsminister Austin ihre Rhetorik hoch. Hatte sich Biden schon früh in ähnlicher Weise im Sinne eines Regimechange geäußert, so verbindet Austin den Siegeswillen des Komplexes („Die Ukraine glaubt klar, gewinnen zu können, und wir glauben das auch“) mit dem Ziel, militärischen Schwächung Russlands soweit, dass es keine Gefahr mehr für die Nachbarn darstelle. Das zielt zugleich auf den entscheidenden Konflikt mit Peking. Denn Austin hat hierzu schon ein Jahr zuvor unter Berufung auf Pearl Harbor einen Weltraumkonflikt um die GPS-Hegemonie an die Wand geworfen. Sehr bedrohlich ist zugleich die finanztechnische Seite des Komplexes. Hier geben die Sanktionen dem systemisch so wichtigen Vertrauen in das globale Finanzsystem einen möglicherweise sehr folgenreichen Stoß. Raghuram Rajan, der Professor aus Chicago, ehemaliger ökonomischer Leiter des IWF und indischer Zentralbankpräsident, der schon 2004 den crash von 2008 detailgetreu prognostiziert hat6, spricht von „economic weapons of mass destruction“. Es könnte sich um einen Schock von der Bedeutung der „bombshell message“ Roosevelts im Jahre 1934 handeln. Ohne Vorwarnung hatte Roosevelt auf einer Londoner Konferenz einseitig die Aufkündigung der Goldbindung des Dollars erklärt mit verheerenden Folgen für Weltfinanz und -handel7. Entsprechend ist der Schock auch dabei, die globalen Handelsstrukturen aufzumischen und in Richtung einer Reorganisation à la TTIP zu drängen. Gekocht wird das alles fern von den sicheren Washingtoner Sesseln auf den Feuern der ukrainischen Blutmühle. Aus dem Kontrast der Barbareien als eine Art „gerechter Krieg“ behandelt, werden sie ständig mit Nachschub bedient und noch mit Parolen des „völligen Sieges“ und „keines Opfers eines Fußbreits Territoriums“ unter Auflastung des atomaren Risikos angeheizt.

Gewalttäter*innen in der Morgenluft

Aggressive Sprecher der Koalition nutzen die Knute der binären militärischen Logik und die damit verbundene Logik einer unerbittlichen thematischen Verengung für eine Remilitarisierung der Politik und des sozialen Klimas. Zu einer mentalen Aufbereitung im Kontext des Komplexes. An der Frage der Lieferung schwerer Waffen treiben Hofreiter und Konsorten Diskurs und Bevölkerung regelrecht vor sich her. Ehemals im deutschen Antimilitarismus gebashte Generale werden als Sachverständige auf die Bühne gehoben und wittern Morgenluft. Durch die Blutmühle gejagte Teile der ukrainischen Bevölkerung werden im Gefolge Selenskis zu Helden erklärt. Was nichts Anderes bedeutet als die Aufforderung zu neuem Heldentum und dem damit verbundenen Blutzoll. Vorhaltungen von der kritischen Schärfe des unter dem Titel „Il revival delle armi“ in La Stampa vom 28.4. abgedruckten Artikels von Domenico Quirico sind Mangelware. Er geißelt die Leichtigkeit der Rede vom Krieg und den „Kult der kriegerischen Moral“ als „pornografia delle morte“ und „Kriegsdroge“. Die deutsche Linke wird dem vielfach gerecht. So wichtig die Bezugnahme auf überkommene Vorstellungen von Antimilitarismus und Frieden allerdings sind, so sind oft zugleich etwas verkürzt. Insoweit sind sie nicht auf der Höhe der Aggressivität der innovativen Barbarei. Vielleicht teilweise auch darum, weil die Innovationsoffensive (oder der „technologische Angriff“, wie sie manchmal genannt wird) im technologisch durchwirkten Alltag Terraingewinne in den linken Seelen verbuchen konnte. Mit der Folge, dass ihre ukrainischen Brückenköpfe uns nahe scheinen, irgendwie Fleisch von unserem Fleisch. Das muss dringend diskutiert werden, sonst ist nach Corona ein weiterer Exodus zu befürchten. Vielleicht hilft die Empörung darüber, dass Mitteleuropa derart bedenkenlos dem atomaren Risiko überantwortet wird.

Auch die EU wittert Morgenluft. Ihr Außenminister Borell sieht im Krieg die geopolitische Geburtsstunde Europas in einer Linie mit von der Leyen, die in Richtung Afrika schon vor zwei Jahren eine „geopolitische Kommission“ propagiert hat, in Kombination mit einer „Generaldirektion für die europäische Verteidigungsindustrie“. Das im Wissen, welch unheilvolle Geschichte geopolitische Strategien haben. Auch eine „europäische Gasunion“ erscheint am Horizont. Der Ukrainekrieg könnte sich für die EU als Einigungskrieg erweisen. Beides kommt nicht unerwartet. Schon 2014 hat Reinhard Müller aus der Spitze der FAZ-Redaktion die Lehren von 1914 für den Einstieg in den Ukraine-konflikt ziehen wollen.8 Ganz im Sinne der Zivilisation.

Beides gehört zu den Vorstellungen, die die Raumprojektionen der Innovationsoffensive ausprägen. Die Raumpolitiken der Eisenbahn- und fordistischen Offensive operierten zunächst mit einer liberalistischen Phase, da die handelspolitische Markterschließung zur Beschaffung ausreichender Nachfrage hinzureichen schien. Das ist von der Kette der Innovationskrisen zunehmend infrage gestellt worden. Die „feindlichen Brüder“ (Marx) konkurrieren nunmehr erneut mit Bemächtigungs- und Erschließungsstrategien, wie der Seidenstraße und den entsprechenden US-amerikanischen Antworten. „Raum“ nimmt eine neue Form aggressiver Struktur-, Finanz- und Sozialpolitik an, ähnlich wie dies in der Zeit vor und vor allem im 1. Weltkrieg eingeleitet und im NS vollendet wurde.

Bedrückend, ja regelrecht bestürzend ist die Transformation der ukrainischen Bevölkerung in der Blutmühle. Wir kennen den Prozess schon aus dem Südosteuropa der Zeit des Kosovokriegs. Familien brechen auseinander. Aus Nachbarn, die friedlich zusammenlebten und durch Familienbande verwebt waren, werden Feinde, eine „Nation“ entsteht und konsolidiert sich, die es vorher so nicht gegeben hat. Man könnte auch sagen, die neuen postmodernen Avantgarden schaffen sich ihre „Nation“. Wir haben einen solchen Prozess schon im 1. Weltkrieg beobachten können.

Putin ist bei all seiner stalinistischen Barbarei nicht nur militärisch, sondern viel umfassender in der Defensive. Peter Bomann hat sich in einem Beitrag zum „Eurasismus in Russland“ gründlich mit den inneren Blockierungen eines sozialökonomischen Erneuerungsprozesses auseinandergesetzt, denen sich Putin gegenübersieht9. Er verweist auf die Sozialgeographin Natalia Zubarevic, die sein Land in „vier Russlands“ gespalten sieht: Die Megapolen Moskau und St. Petersburg, die veralteten Industriezentren, die Kleinstädte und Dörfer und die nationalen Republiken. Zusammen mit den jeweiligen Kämpfen in Fabrik, auf dem Land und im Gewerbe summierten sie sich zu einer veritablen Entwicklungsblockade. Der Stalin-Biograph Kotkin hat auf diese historisch wiederkehrende Situation verwiesen. Sie wurde jeweils mit einer präventiven Konterrevolution beantwortet. Zuletzt dadurch, dass die bolschewistische Avantgarde unter Lenin in die tayloristisch-fordistische Innovationsoffensive einstieg. Welche Rolle spielt Putins Vorstoß einer blutigen und völkermörderischen Politik kriegerischer Raumsicherung im Konzept eines „eurasischen Großraums“ unter weitgehender Zerstörung der Ukraine aktuell? Es kann sich ja nur um ein Hinhaltemanöver handeln. Denn wer außer den neuen innovatorischen Avantgarden sollte zu einer präventiven Konterrevolution in der Lage sein, zumal sie Russland in Scharen verlassen?

All das macht den Krieg nicht zu einem Stellvertreterkrieg, sondern zu einem Innovationskrieg im Verständnis des 1. Weltkriegs. Vielleicht als eine Art Vorkrieg, wie es die damaligen Balkankriege und der Marokkokonflikt waren. Als Sprungbrett in eine weitere Auseinandersetzung, die, seit Jahren angebahnt, zwischen den eigentlichen „feindlichen Brüdern“ der Innovationsoffensive zu erwarten ist, den USA und China

Aufforderung zu einer Selbsterneuerung der Linken im Kampf gegen beide Seiten und für die Opfer der innovativen Blutmühle

Wir müssen gegen Putins mörderische Politik kämpfen. Und wir müssen zugleich gegen die innovative Barbarei des „Komplexes“ kämpfen, vor allem gegen die hiesigen Scharfmacher*innen aus grün, gelb und blassrot. Der Kampf der Linken kann sich nach allem nur gegen beide Seiten richten. Es geht dabei in erster Linie um einen Beitrag dazu, Menschenleben zu retten. Im Sinne zugleich eines antikapitalistischen Kampfs auf neuem historischen und konzeptionellen Niveau. Gegen die altertümlichen Mordstrategien und gegen die innovatorischen Gewalttäter*innen in einem. Nehmen wir an, dass Austin recht hat und Putin ist in der Defensive und darum verhandlungsbereit. Dann muss eine Kampagne die hiesigen Kriegstreiber zwingen, von ihren Maximalzielen des Siegs und der Demütigung Putins im Sinne Austins Abstand zu nehmen und die kriegstreiberische Heldenbeweihräucherung einzustellen. Denn es gibt viele, denen sie unheimlich sind. Eine bewegliche Kampagne könnte dies je nach Kompromisschancen dimensionieren. Sie könnte viele Menschenleben retten. Von Menschen, die keine Helden sein wollen. Sie würde damit zugleich dem Kriegsprojekt einer kapitalistischen Macht etwas entgegensetzen, die ihre Bereitschaft zum blutigen Wüten im Fortschritt vielfach unter Beweis gestellt hat: aus dem deutsch beherrschten Europa ebenso wie aus den puritanisch-manichäischen USA. Und wir könnten unseren Kampf dann wieder an die Auseinandersetzung mit der mörderischen EU-Politik anbinden. Und in die weltweiten sozialrevolutionären Prozesse, vor allem im globalen Süden einweben, hineindenken, hineinfühlen, hineinimaginieren.

Wir werden in den kommenden Wochen und Monaten nicht nur dies sondern auch weitere Themen behandeln und zur Diskussion stellen. Wie etwa die Bedeutung im Kontext der zentralen Konfrontation zwischen USA und China (Frage u.a.: wird sich Russland zum Appendix Chinas in Europa machen lassen?) Oder: die Folgen für Handels- und Finanzordnung. Vor allem aber: die Auswirkungen auf die Lebensbedingungen im globalen Süden, auch der „weapons of mass destruction“, von denen Rajan spricht und was das für unsere Praxis bedeutet. Und natürlich das, was wir an Antworten und Anregungen aus der Linken, also von Euch erhalten.

1 Der Begründer des Begriffs „Völkermord“ Rafael Lemkin hatte noch im 2. Weltkrieg auch Strategien der Vernichtung von Lebensformen, Kultur und Identität einbezogen und danach den Hungermord an den Ukrainer*innen der Jahre 1933/34 mit vielen anderen als Völkermord begriffen. Vgl. dazu D. Hartmann, Krisen, Kämpfe, Kriege, Innovative Barbarei gegen soziale Revolution. Kapitalismus und Massengewalt im 20. Jahrhundert, Berlin, Hamburg 2919 (im Folgenden KKK2), S. S. 439, Fn. 81.

2 D. Hartmann, Krisen, Kämpfe, Kriege, Alan Greenspans endloser „Tsunami“. Eine Angriffswelle zur Erneuerung kapitalistischer Macht, Berlin, Hamburg 2015, (Im Folgenden KKK1), S. 202 ff.

3 Nachweise und zusammenfassend D. Hartmann, KKK2, Kap. 1.1.2 „Völkermord für den Fortschritt“, S. 32 ff.

4 Vgl. Redaktionskollektiv Capulcu, Disconnect!, Disrupt!, Diverge!, alle Münster (Unrast), 2018, 2019, 2021.

5 Vgl. Redaktionskollektiv Capulcu, Eine Art von Krieg, in: dass., Diverge, Münster 1919. D. Hartmann, Corona-Politik und die Neuformierung der Macht, Berlin (Aufbau A, Neuhg. Bei „immergrün“).

6 KKK1, S. 23 ff.

7 KKK2,, S. 369

8 D.Hartmann, 1914 – 2014 ? Deutschlands Offensive im weltweiten Umbruch, in: G. Hanloser, Deutschland.Kritik, Münster 2015.

9 P. Bomann, Eurasismus in Russland, www.materialien.org unter Bomann.